Persönliche Einblicke

Gespräch mit der Unternehmerin und Speakerin Helen Hain

 

Das Spezialgebiet deiner Vorträge ist das Thema Mut. Was fasziniert dich an dieser Tugend?

Mut steht für mich für Entwicklung. Im Prinzip empfinde ich Mut, als das Gegenteil von Stagnation und weniger als Kehrseite von Feigheit. Mut verbinde ich mit Optimismus, nach vorne schauen und Aktion. Faszinierend finde ich die Entdeckung persönlicher Fähigkeiten, die wir uns nicht zugetraut haben. Wenn eine mutige Entscheidung von Erfolg gekrönt ist, spürt man die höchste Form von Selbstbewusstsein. Lag man falsch, kann man sich zumindest sagen, dass man es versucht hat. Dazu fällt mir Albert Einsteins Zitat ein „Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ 

Was ist die Botschaft deiner Vorträge?

Meine Vorträge haben zwei Ziele. Zum einen sind sie natürlich ein Aufruf zu mutigerem Handeln in allen Bereichen des Lebens, insbesondere im Berufsleben, wo wir einen Großteil unserer Zeit verbringen und gerade in Führungspositionen große Verantwortung tragen. Zum anderen ermutige ich auch zurückzuschauen und zu reflektieren, wie häufig man bereits mutig gehandelt hat, ohne es sich bewusst zu machen. Ich habe erst Jahre später, als ich endlich durchatmen konnte, wahrgenommen, wie mutig ich war. Wow, dachte ich mir, das habe ich mich in diesem Alter getraut? Darauf darf man ruhig stolz sein.

Würdest du sagen, dass deine Vita dich gezwungen hat mutig zu sein? Mit nur 24 Jahren warst du Witwe, alleinerziehende Mutter und hast einen Schuldenberg geerbt, weil du für die Firmenkredite deines verstorbenen Mannes gebürgt hattest.

Angesichts persönlicher Schicksale verurteile ich niemand, der den Kopf in den Sand steckt oder resigniert. Wir sind Menschen und haben Gefühle, an denen wir zerbrechen könnten. Auch ich hätte mich damals am liebsten vergraben oder wäre vor den Problemen davongelaufen. Das Einzige, das mich daran hinderte war meine Tochter. Für sie habe ich entschieden ins kalte Wasser zu springen und zu retten, was in meinen Möglichkeiten lag. Also habe ich von heute auf morgen ein Unternehmen nach dem Prinzip ‚learning by doing‘ geleitet.

Wie schnell hast du dich als Unternehmerin eingearbeitet und was waren deine größten Herausforderungen?

Das Unternehmen meines verstorbenen Ehemannes hat Golfplätze konzipiert, entwickelt und an Investoren verkauft. Über seine Firma und Projekte wusste ich gerade einmal so viel, wie man sich unter Eheleuten abends oder am Wochenende austauscht. Zu Beginn hatte ich große Angst, ich war jung und unerfahren.
Die Mitarbeiter haben mich jedoch sehr unterstützt und waren froh, dass ich entschieden hatte weiterzumachen. Auch die Kunden reagierten sehr verständnisvoll und gaben mir eine Chance. Die größte Herausforderung lag darin, die Banken zu überzeugen, mir die Kredite nicht zu kündigen. Aus heutiger Sicht muss ich gestehen, dass die Bänker sehr mutig waren, mir zu vertrauen. Aber ich habe sie nicht enttäuscht.

Wie hast du dich gefühlt als das Unternehmen nach sieben Jahren veräußert wurde und alle Schulden beglichen waren?

Erleichtert, sehr erleichtert.

Warst du stolz, dass du so mutig gehandelt hattest?

Nein, zunächst war ich einfach nur glücklich einen Haken hinter diesen Lebensabschnitt setzen zu können. Zu dem Zeitpunkt war mir noch nicht bewusst, dass es eine mutige Entscheidung war, denn ich hatte nie Zeit mir solche Fragen zu stellen. Nach diesen aufreibenden sieben Jahren, hatte ich keine Lust mehr unternehmerisch tätig zu sein – dachte ich zumindest. (lacht) Ich bin ins Angestelltenverhältnis gegangen und wollte mit meinen Kindern ein ruhiges Leben führen.

Nur wenige Monate später hast du deine Meinung aber revidiert…

Ja, nur sieben Monate später stand die Telemarketing Agentur, für die ich tätig war, vor der Insolvenz. Ich war gerade zur Ruhe gekommen und mein Job machte mir richtig Spaß. Die Vorstellung meinen Arbeitsplatz zu verlieren, schürte meine Wut und weckte meinen Kampfgeist. Was wäre, wenn ich die Agentur übernehmen würde, fragte ich mich. Ich traute es mir zu, schließlich hatte ich bereits bewiesen, dass ich in der Lage war ein Unternehmen zu führen. Damals sogar unter bedeutend schlechteren Voraussetzungen, ich war jünger, ohne Business-Erfahrung und meine Tochter war klein. Sollte ich es noch einmal wagen? Die Vision und das Kribbeln im Bauch ließen mich nicht mehr los. Ich war überzeugt, dass sich die Profitabilität der Agentur durch die Erweiterung des Leistungsspektrums um Vertriebsberatung und Entwicklung von IT-Solutions und CRM-Systemen deutlich steigern ließe. Nach dem Gespräch mit dem Insolvenzverwalter war klar, dass mein Kapital für eine 100% Übernahme nicht ausreichen würde. Also skizzierte ich mein Konzept und machte mich auf die Suche nach Investoren, die ich schneller als erhofft fand und überzeugte.

Ist es dir gelungen, deine Vision zu realisieren?

Im ersten Schritt lief es leider nicht, wie ich es mir ausgemalt hatte. Im Laufe der Zusammenarbeit kristallisierte sich heraus, dass sich die Vorstellungen der Investoren, mit meinen Qualitätsansprüchen nicht deckten. Sie wollten keinen nachhaltigen Unternehmensaufbau fördern und Innovationen herbeiführen, sondern stattdessen ein auf Massengeschäft ausgerichtetes B2C Call Center etablieren. Mit diesem Ansatz konnte ich mich nicht identifizieren. Der Gedanke, dass mein Team abends Privathaushalte anruft, um Versicherungen oder Lose zu verkaufen, entsprach nicht meiner Vision. Dennoch habe ich mich zunächst darauf eingelassen, hätte jedoch besser auf meinen Verstand und mein Bauchgefühl hören sollen. Es entwickelten sich zwei völlig unterschiedliche Firmenkulturen unter einem Dach, die nicht an einem Strang zogen. Nach vielen, schlaflosen Nächten, habe ich eine mutige Entscheidung getroffen: ich trennte mich von meinen Partnern und Investoren, nachdem ich die Finanzierungszusage einer Bank erhalten hatte.

Und ab da ging es stetig bergauf?

Wo gibt’s denn so etwas, dass es nur bergauf geht? Unternehmer sind immer wieder mit Hürden und Krisen konfrontiert. Deshalb fordere ich mehr Mut auf allen Ebenen, denn Mut führt auch zu Lösungen und Auswegen aus der Krise. Die Welt hat sich in den letzten dreißig Jahren komplett verändert, wir sind von einer digitalen Revolution überrollt worden. Die wenigsten waren darauf vorbereitet. Die meisten konnten nur reagieren, anstatt zu agieren.

Meinst du Unternehmer sollten der Digitalisierung mutiger begegnen?

Ich bin ein großer Befürworter von Innovation, dazu gehört natürlich auch die Digitalisierung. Aber wir müssen uns klar machen, dass sie nicht – vielleicht noch nicht – den persönlichen Dialog ersetzen kann. Die Balance zwischen Digitalisierung und zwischenmenschlichen Beziehungen muss in Einklang gebracht werden. Derzeit herrschen Extreme. Es gibt immer noch mittelständische Unternehmen, die ihre Kundendaten statt in CRM Systemen, in farbig unterlegten Excel-Tabellen pflegen. Sie ignorieren den Zeitgeist und arbeiten wie im letzten Jahrtausend. Als Gegenpol gibt es Konzerne, die denken sie könnten ihre Kunden langfristig nur über digitale Kanäle halten und an sich binden. Ich vertrete und lebe die Business2Human Philosophie. Einfach ausgedrückt: erfolgreiches Business findet immer noch zwischen Menschen statt und dies gilt insbesondere für den B2B Bereich. Meine Agentur MarketDialog war noch nie so ausgelastet wie heute. Im B2B Bereich erwarten Kunden Lösungen und nicht nur Produkte. Diese lassen sich am besten in persönlichen Gesprächen eruieren. Nur wer seine Produkte, Dienstleistungen und Services an die Kunden­bedürfnisse anpasst, wird sich langfristig gegen den Wett­be­werb durchsetzen können. Die beste Software und heraus­ragendste Online-Kommunikation können einen per­sön­lichen Dialog nicht ersetzen. 

Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Ich freue mich sehr, dass ich jetzt mehr Zeit habe mich der Faszination Mut zu widmen, auf meine Vorträge und inspirierende Begegnungen.